8. März - 26. April 2024

Florian Nährer. Antidote

Antidote sind Substanzen oder Behandlungen, die dazu dienen, die schädlichen Auswirkungen von Giften oder Krankheiten zu neutralisieren beziehungsweise zu mildern. Sie spielen also in der Medizin eine entscheidende Rolle. Die Entwicklung von Antidoten basiert auf einem tiefen Verständnis der Wirkungsweise des Giftstoffes oder der Krankheit, gegen die sie gerichtet sind.

Florian Nährer präsentiert uns mit dieser Ausstellung das titelgebende, heilsame Gegengift und weiß offensichtlich, was wir brauchen: Eine ruhige, meditative Position in den aktuellen Wirren von Krieg, Verzweiflung und täglich neuen Hiobsbotschaften aus der ganzen Welt.

Der Prozess der Entstehung seiner Malerei soll sichtbar bleiben. Die Offenlegung des Malvorgangs ist Teil des Bildes. Die Spuren der Klebebänder und die dadurch entstehende Relief-Struktur der Farbe geben seinen Arbeiten Körper, Ecken und Kanten. Nährer will, dass sich durch seine Bilder Fenster auftun. Fenster in eine andere Welt. Insofern hat seine Arbeit etwas zeitlos Klassisches. Transzendenz und Schönheit sind die wesentlichen Themen der Kunst seit ihrer Entstehung. Joan Miró hat das ganz ähnlich gesehen: „In der abstrakten Malerei erschafft der Künstler keine Abbilder der Welt, sondern eröffnet Fenster zur göttlichen Dimension, wo das Unendliche und Ewige in jedem Pinselstrich wohnt.“ 

Im Gegensatz zur Zeitlosigkeit seiner Themen ist Nährers Farbpalette eindeutig aus dem hier und jetzt, individuell und unverkennbar. In der Mode und Kunst entstand während und kurz nach der Pandemie der Begriff der „Dopamin-Farben". Dieser bezieht sich auf eine Ästhetik, die durch lebhafte, kraftvolle Farben gekennzeichnet ist und intensive emotionale Reaktionen hervorruft. Die Farben stimulieren das Dopamin, ein Neurotransmitter im Gehirn, der mit Belohnung, Vergnügen und Glücksgefühlen in Verbindung gebracht wird. Nährers Farb-Sprache hat eine ganz ähnliche Wirkung. 

In seinem Weg hin zur geometrischen Abstraktion hat Florian Nährer viele verschiedene Phasen durchlaufen. Er hat sich von Abstraktion zur Figuration und wieder zurückbewegt. Seit ungefähr 2020 sind geometrische Kompositionen der Kern seiner Arbeit. Die Themen, die ihn als Mensch und Künstler interessieren, kreisen um die wesentlichen philosophischen Fragen des Menschen: Wer bin ich und wohin gehe ich? Welche Orte und Gegenstände strahlen etwas Verheißungsvolles aus und wie verändern sich diese im Laufe der Geschichte? Können Gegenstände eine spirituelle Kraft besitzen? Gibt es einen Gott und was ist Gnade? Diese großen Fragen bilden den Kern seiner künstlerischen Praxis.  

Der Anfang seiner abstrakten New Order Bilder war zuerst die Auseinandersetzung mit Grenzen – politischen wie geographischen – und platonischen Körpern. In weiterer Folge dann die Beschäftigung mit dem Gnadenbild. Die Geschichte der Gnadenbilder ist mit zahlreichen Legenden und Wundern verbunden, die um sie herum entstanden sind. Gläubige berichteten oft von Heilungen, Schutz und anderen außergewöhnlichen Ereignissen, die mit der Verehrung dieser Bilder in Verbindung gebracht werden.

Heutzutage sind Gnadenbilder nicht nur historische Relikte, sie spielen weiterhin eine wichtige Rolle im spirituellen Leben vieler Menschen auf der ganzen Welt. Sie sind Symbole des Glaubens, der Hoffnung und der göttlichen Fürsorge, die Trost und Inspiration in Zeiten der Not bieten können.

Die Auseinandersetzung mit der faszinierenden Idee, dass sich die Gnade beim Kopieren einer Ikone auf die Kopie überträgt, hat Nährer untersucht. Er wollte gewissermaßen ausprobieren, ob die Abstraktion dieser Idee Abbruch tut. Seither sind verschiedene abstrakte Serien entstanden. Florian Näher interessiert sich dabei für den Prozess der Verinnerlichung. Allein im Atelier. Allein mit dem Bild und der Farbe. Die scheinbar exakte Ordnung und Strenge täuscht. Was auf den ersten Blick kalkuliert bzw. komponiert wirkt, kommt spontan aus dem Inneren. Der Künstler lässt sogar neben der Arbeit Filme laufen, Klassiker wie „der Pate“, um einen Zustand zu erreichen in dem er unterbewusst agiert und den kunstgeschichtlichen Kanon ebenso hinter sich lässt wie die Milliarden auf Instagram und anderen Kanälen befindlichen Bilder. So soll der meditative Prozess in seiner Arbeit zum Ausdruck kommen. Zufall und Imperfektion als bewusster Bestandteil des Ergebnisses: Nach dem Prinzip Wabi Sabi, der ästhetischen Philosophie und Kunstform aus Japan, die die Schönheit im Unvollkommenen, Vergänglichen und Unregelmäßigen betont. Dieses Konzept betont die Schönheit, die in der Einfachheit und Bescheidenheit liegt, und akzeptiert den Lauf der Zeit und den Verfall als natürlichen Teil des Lebens.

Florian Nährer gibt uns mit seiner Malerei ein nicht zu unterschätzendes Gegengift: Ruhe und Besinnung gegen alle Stürme der Welt. Meditation und Verinnerlichung. Meditation steigert erwiesenermaßen den Dopamin-Level im Körper. Bei der Betrachtung des Ergebnisses kann man feststellen: Die Übertragung funktioniert.

"Die abstrakte Malerei ist ein Versuch, das Unfassbare zu erfassen, das Göttliche zu ergründen und die Essenz von Gottes Schöpfung wiederzugeben." Piet Mondrian

- Dorothea Schellhorn -

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Antidotes are substances or treatments used to neutralize or mitigate the harmful effects of toxins or diseases. They therefore play a crucial role in medicine. The development of antidotes is based on a deep understanding of how the toxin or disease they are designed to combat works.

With this exhibition, Florian Nährer presents us with the eponymous, healing antidote and clearly knows what we need: a calm, meditative position amid the current turmoil of war, despair, and daily bad news from around the world.

The process of creating his paintings should remain visible. The disclosure of the painting process is part of the image. The traces of adhesive tape and the resulting relief structure of the paint give his works body, corners, and edges. Nährer wants his paintings to open windows. Windows into another world. In this respect, his work has something timelessly classic about it. Transcendence and beauty have been the essential themes of art since its inception. Joan Miró saw it in a very similar way: “In abstract painting, the artist does not create images of the world, but opens windows to the divine dimension, where the infinite and eternal dwells in every brushstroke.”

In contrast to the timelessness of his themes, Nährer's color palette is clearly rooted in the here and now, individual and unmistakable. During and shortly after the pandemic, the term “dopamine colors” emerged in fashion and art. This refers to an aesthetic characterized by vibrant, powerful colors that evoke intense emotional responses. The colors stimulate dopamine, a neurotransmitter in the brain associated with reward, pleasure, and feelings of happiness. Nährer's color language has a very similar effect.

Florian Nährer has gone through many different phases on his path to geometric abstraction. He has moved from abstraction to figuration and back again. Since around 2020, geometric compositions have been at the core of his work. The themes that interest him as a person and an artist revolve around the essential philosophical questions of humanity: Who am I and where am I going? Which places and objects radiate something promising and how do these change over the course of history? Can objects possess spiritual power? Is there a God and what is grace? These big questions form the core of his artistic practice.

The beginning of his abstract New Order paintings was initially an exploration of boundaries—both political and geographical—and Platonic solids. This was followed by an examination of miraculous images. The history of miraculous images is linked to numerous legends and miracles that have arisen around them. Believers often reported healings, protection, and other extraordinary events associated with the veneration of these images.

Today, miraculous images are not only historical relics, they continue to play an important role in the spiritual lives of many people around the world. They are symbols of faith, hope, and divine providence that can offer comfort and inspiration in times of need.

Nährer has explored the fascinating idea that grace is transferred to the copy when an icon is copied. He wanted to test, in a sense, whether the abstraction of this idea detracts from it. Since then, he has created various abstract series. Florian Näher is interested in the process of internalization. Alone in the studio. Alone with the image and the paint. The seemingly precise order and rigor are deceptive. What at first glance appears calculated or composed comes spontaneously from within. The artist even plays films alongside his work, classics such as “The Godfather,” in order to reach a state in which he acts subconsciously and leaves behind the art-historical canon as well as the billions of images on Instagram and other channels. This is how the meditative process is expressed in his work. Coincidence and imperfection are a conscious part of the result, following the principle of wabi sabi, the Japanese aesthetic philosophy and art form that emphasizes beauty in imperfection, transience, and irregularity. This concept emphasizes the beauty that lies in simplicity and modesty and accepts the passage of time and decay as a natural part of life.

Florian Nährer's paintings provide us with an antidote that should not be underestimated: calm and reflection in the face of all the storms of the world. Meditation and internalization. Meditation has been proven to increase dopamine levels in the body. Looking at the result, it is clear that the transfer works.

"Abstract painting is an attempt to grasp the incomprehensible, to fathom the divine, and to reflect the essence of God's creation.” Piet Mondrian

- Dorothea Schellhorn -

 

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