14.3. - 5.5.2018

Ulrike Königshofer. Jeder Blick hat einen Standpunkt

Every view has a standpoint

When we look at the world, we assume not only that what we see continues to exist when we look away, but also that its appearance remains unchanged. “For example, I see the next-door house from a certain angle, but it would be seen differently from the right bank of the Seine, or from the inside, or again from an airplane: the house itself is none of these appearances [...] it is the house seen from nowhere,” according to the French philosopher Maurice Merleau-Ponty.

Therefore, an objective and neutral view would be observation without observation. Such an observation would come to nothing, since it is lacking precisely that which constitutes the thing being seen. A shadow that is not dark is not a shadow. A night as bright as day is not experienced as night because its characteristic blackness is missing. The notion of objectivity excludes the observer. For an image of something to be made, there must be an eye that looks - and this is no abstract thing. And there must also be the understanding of the observer, who interprets what he sees. He reasons from an image that is before his eyes to an object that must be there.

For example, the same sun is seen all over the earth. But the horizon is different. A shift in perspective makes the same event seem completely different. We always see, interpret, and understand the world from a particular vantage point. Our notions of it can turn out to be correspondingly different without necessarily being wrong. From your own standpoint it may seem unthinkable to adopt a different view. But that does not mean it is impossible - that became clear, at the latest, when the sun stopped revolving around the earth. 

Ulrike Königshofer, Wie wir vom Schattenbild auf den Gegenstand schließen, 2017, Apparatur, Unikat

CV Ulrike Königshofer

 

Wenn wir in die Welt schauen, gehen wir davon aus, dass das Erblickte nicht nur weiter vorhanden ist, wenn wir gerade nicht hinsehen, sondern auch ein Aussehen hat - unabhängig von unserem Schauen.  „So sehe ich etwa das Haus gegenüber unter einem bestimmten Gesichtswinkel, anders sähe man es vom rechten Ufer der Seine, anders wieder von innen, und noch anders wieder von einem Flugzeug aus; das Haus selbst ist nicht eine dieser Erscheinungen, [...] es ist das Haus, von nirgendwoher gesehen“, so der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty.

 

Eine objektive und neutrale Sicht wäre also eine Betrachtung ohne Betrachtung. Eine solche läuft ins Leere, weil ihr genau das fehlt, was das Gesehene ausmacht. Ein Schatten, der nicht dunkel ist, ist eben keiner. Eine Nacht, hell wie der Tag, wird nicht als solche empfunden, weil ihr das Charakteristikum der Schwärze fehlt. Die Vorstellung von Objektivität klammert den Betrachter aus. Um sich ein Bild von etwas zu machen, braucht es aber ein Auge, das schaut - und dieses ist kein abstraktes Ding. Und es braucht den Verstand des Betrachters, der interpretiert, was er sieht. Er schließt von einem Bild, das er vor Augen hat, auf einen Gegenstand, der da sein muss.

 

So sieht man überall auf der Erde dieselbe Sonne. Der Horizont aber ist ein anderer. Durch das Verschieben der Perspektive kann ein und dasselbe Ereignis völlig unterschiedlich erscheinen. Wir sehen, deuten und verstehen die Welt immer aus einem speziellen Blickwinkel. Entsprechend unterschiedlich können die Vorstellungen ausfallen, die wir davon haben, ohne zwangsweise falsch zu sein. Vom eigenen Standpunkt aus mag es undenkbar erscheinen, eine andere Sicht einzunehmen. Dies heißt aber nicht, dass das nicht möglich wäre - das wurde spätestens zu einer Zeit klar, als die Sonne aufhörte, sich um die Erde zu drehen.

 

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